Es grünt und blüht in vollen Zügen – und viele Gräser- und Pollenallergiker befinden sich gerade mitten in ihrer alljährlichen Leidenszeit. Wir haben uns im vergleich.de Blog erst kürzlich mit den Leistungen der Krankenkassen für Allergiker beschäftigt.
Nun erklärt Ihnen ein Experte mehr zu den Ursprüngen und den aktuellen Behandlungsmethoden dieser Allergien: Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe ist Privatdozent, Allergologe und Facharzt für Dermatologie. Er praktiziert im Berliner Allergie- und Asthma-Zentrum Westend (AAZW), einer interdisziplinären Allergiepraxis mit angeschlossenem Forschungszentrum (www.allergie-experten.de).
vergleich.de: Herr Dr. Kleine-Tebbe, mit welchen Allergenen haben Pollenallergiker von Frühjahr bis Herbst zu kämpfen?
Dr. Kleine-Tebbe: Bei uns in Deutschland sind Baum- und Gräserpollen die wichtigsten Allergenzellen. Das Hauptallergen der Birkenpollen, ein Stresseiweiß, das von vielen anderen Pflanzen wie Kern- und Steinobst, Haselnüssen, Karotten und Soja ebenfalls gebildet wird, ist auch in den Hasel- und Erlenpollen enthalten, so dass die Betroffenen häufig schon im Februar beziehungsweise März erste Beschwerden bekommen.
So richtig geht es mit der Birke im April los und im Mai beziehungsweise Frühsommer kommen die Gräserpollen hinzu. Manche Betroffene haben selbst bis in den Spätsommer allergische Symptome, die meistens durch ein Wildkraut, den Beifuß, verursacht werden oder durch einen Schimmelpilz mit dem klangvollen Namen Alternaria, der besonders im Hochsommer selbst bei feuchtem Wetter seine Sporen freisetzt.
Wissenschaftliche Daten besagen, dass die Zahl der Gräser- und Pollenallergiker zunimmt. Inzwischen leiden rund 17 Millionen Deutsche an einer Pollenallergie. Wie kommt diese Entwicklung Ihrer Meinung nach zustande?
In den letzten 20 Jahren hat auch in Deutschland die Allergiebereitschaft deutlich zugenommen. Das hat man an Kindern und Jugendlichen untersucht, die zu verschiedenen Zeiten mit Hilfe von Bluttests auf Allergiebereitschaft mit den häufigsten Allergenen untersucht wurden. Diese Bluttests ermitteln die Antikörper der Klasse E(Immunglobulin E, kurz IgE), die bei entsprechender erblicher Bereitschaft von den Betroffenen produziert werden. Sie können sich gegen Pollenbestandteile, Tierschuppen, Hausstaubmilben und Schimmelpilze richten.
Während sich die Erbanlagen für eine erhöhte Allergiebereitschaft in den vergangenen Jahren nicht verändert haben, sind auf der anderen Seite einige Umweltauslöser ins Blickfeld geraten: Wahrscheinlich sind es Faktoren des westlichen Lebensstils, die besonders beim Heranreifen des Immunsystems eine wichtige Rolle spielen.
So sind Kinder, die auf dem Land aufwachsen, besonders bei häufigem Aufenthalt im Kuhstall viel seltener von Allergien betroffen als Stadtkinder. Auch in größeren Familien werden seltener Allergien beobachtet. Insofern wird heute eine Allergie als überflüssige Reaktion des Immunsystems betrachtet, das offenbar bei unzureichendem Kontakt mit normalen Keimen in der Umwelt „auf dumme Gedanken kommt“ und überempfindlich auf harmlose Proteine aus der Umwelt reagiert.
Wie kommen die betroffenen Allergiker Ihrer Meinung nach am besten durch die warme Jahreszeit?
Da die Pollen- und Schimmelpilzallergene sich über viele Kilometer verbreiten und selbst in Innenräume gelangen, kann der Allergiker ihnen kaum vollständig ausweichen. Vielleicht kann es im Einzelfall helfen, dass er nach einem langen Aufenthalt bei großer Pollenbelastung an der frischen Luft anschließend die Kleidung vor der Tür des Schlafraumes ablegt beziehungsweise die Haare wäscht, damit wenigstens der nächtliche Schlaf nicht durch den Allergenkontakt gestört wird. Dazu besser ins Gebäudeinnere lüften als nachts die Fenster offen zu lassen.
Eine gute Hilfe bieten verschiedene antiallergische Medikamente. In den Apotheken werden antiallergische Augentropfen und Nasensprays angeboten, die häufig den Botenstoff Histamin blockieren. Diese sogenannten Antihistaminika gibt es auch als Tabletten, die relativ rasch nach ein bis zwei Stunden die allergischen Symptome wie Augenjucken, Niesanfälle oder Fließschnupfen unterbinden können. Sie werden üblicherweise einmal pro Tag genommen.
Bei ausgeprägteren Beschwerden empfiehlt sich die regelmäßige Anwendung eines lokal wirksamen kortisonhaltigen Nasensprays. Diese gibt es auf Rezept, und sie haben nicht die unerwünschten, häufig gefürchteten Kortison-Nebenwirkungen von Präparaten, die sich im ganzen Körper verteilen, wie Tabletten oder Spritzen. Daher ist ihre Anwendung bei Allergien unbedenklich und wird selbst schon bei allergischen Kindern ab dem Alter von 6 Jahren eingesetzt. Vorsicht dagegen bei abschwellenden Nasensprays, die bei Allergien nicht eingesetzt werden sollten.
Bei sehr ausgeprägten allergischen Beschwerden werden die Antihistaminika gerne mit den Kortison-Nasensprays kombiniert. Letztere gibt es mittlerweile sogar in Apotheken frei verkäuflich – das spiegelt ihre große Sicherheit für die betroffenen Allergiker wider. Sollten während der Allergiesaison Husten und erschwertes Atmen ein beginnendes Asthma signalisieren, sollte der Betroffene unbedingt einen Arzt oder Allergologen aufsuchen, damit diese Beschwerden mit wirksamen Medikamenten zur Inhalation bekämpft werden können.
Gibt es noch andere Möglichkeiten, die Allergie langfristig zu beseitigen?
Als einzige Behandlung, die langfristig den Verlauf der Allergie beeinflusst, gilt die spezifische Immuntherapie oder Hyposensibilisierung. Bei dieser Behandlung werden zunächst kleine oder später sehr große Allergenmengen dem Körper zugeführt, um das Immunsystem zur Toleranz zu erziehen. Die Behandlung erstreckt sich über drei Jahre, weil der Prozess eine gewisse Zeit benötigt. Die Betroffenen haben häufig bereits nach einem Jahr Behandlung deutlich weniger Beschwerden, benötigen weniger Medikamente und profitieren von der asthmavorbeugenden Wirkung.
Bisher wurde die Behandlung überwiegend mit Injektionen entweder alle vier Wochen im ganzen Jahr oder nur mit einigen Injektionen vor der Pollensaison angeboten. Seit einigen Jahren gibt es aber speziell für die Gräserpollenallergie Tabletten-Präparate, die täglich zuhause angewandt und unter der Zunge platziert werden. Diese sogenannte sublinguale Immuntherapie (sublingual = lat. unter der Zunge) wird auch von der Krankenkasse bezahlt und zukünftig möglicherweise auch für weitere Allergenquellen wie Baumpollen oder Hausstaubmilbenallergene zur Verfügung stehen.
Wie stehen Sie denn zu alternativen Heilmethoden wie zum Beispiel Akkupunktur oder Klopfakupressur?
Aus allergologischer Sicht können wir von ärztlicher Seite nur die Verhandlungsverfahren empfehlen, die tatsächlich wirksam sind. Dazu sollte sich eine Behandlung gegenüber einer Scheinbehandlung (Placebo) bewährt haben, weil besonders bei Allergien diverse Umwelteinfüsse das Ausmaß der Beschwerden beeinflussen können. Bei vielen Behandlungsverfahren wie zum Beispiel der Bioresonanz, Kinesiologie, Probiotikabehandlung und Homöopathie fehlt dieser Wirksamkeitsnachweis – mehr Informationen gibt es auf der kritischen und sehr informativen englischsprachigen Internetseite www.quackwatch.org. Es wäre daher aus ärztlicher Sicht unethisch, einem Betroffenen mit schweren allergischen Symptomen diese Mittel zu empfehlen, mit dem Ziel, die Beschwerden zu beseitigen.
Bei der Akupunktur gibt es kleine Untersuchungen, die einen Effekt auf die Symptome, aber keine langfristige Besserung nahelegen. Da wir aber über gut wirksame und sichere Medikamente verfügen, ist ein Platz für weitere Behandlungsmethoden beziehungsweise ihr Einsatz aus meiner Sicht häufig nicht erforderlich.
Ich würde gerne mit Ihnen drei Thesen zum Thema Allergien auf Ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Nummer 1: Die Beschwerden von Pollenallergikern werden im Alter besser.
Diese Beobachtung entspricht auch der ärztlichen Erfahrung, nämlich, dass Allergien häufig im Kindes- oder Jugendalter beginnen können und später nach vielen Jahren wieder nachlassen. Allerdings gibt es auch Ausnahmen, das heißt ältere Patienten, die erst in späten Jahren ihre allergischen Beschwerden entwickeln.
Eine Hyposensibilisierung macht nur in den ersten Jahren nach Eintritt einer Allergie Sinn.
Das kann man so nicht verallgemeinern, da in Untersuchungen auch bei Patienten mit längerer Vorgeschichte die Behandlung mit den Allergenen durchaus wirksam war. Insofern kommt die spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) nicht nur für Patienten infrage, die erst kurz ihre Beschwerden haben, sondern auch für diejenigen mit längerer Krankheitsgeschichte.
Und hier These 3: Rohmilch schützt Kinder vor Allergien. Diese Aussage war in den letzten Wochen wieder einmal in den Medien zu finden.
Im Zusammenhang mit der Hygienehypothese kann es tatsächlich sein, dass der enge Kontakt mit Tieren im Stall bzw. der Genuss von Rohmilch in den ersten Lebensjahren Allergien vorbeugt. Allerdings würde kein Kinderarzt das Trinken von Rohmilch mit seinem hohen Bakterienanteil empfehlen. Insofern kommt diese Maßnahme für die breite Vorbeugung nicht infrage. Wissenschaftler forschen bereits daran, welche Bestandteile in der Rohmilch letztlich den schützenden Effekt vor Allergien vermitteln.
Abschließend interessiert mich, wie Sie das Engagement der Krankenversicherungen bewerten – wird momentan genug für Allergiekranke getan?
Leider werden allergische Erkrankungen in den letzten Jahren zunehmend in der Öffentlichkeit und auch von den Krankenversicherungsträgern bagatellisiert. Indirekt lässt sich das daran ablesen, dass der allergische Betroffene wirksame Medikamente wie Antihistaminika in aller Regel selbst bezahlen muss und die Kosten nicht erstattet bekommt.
Darüber hinaus sind in den letzten Jahren die Vergütungsmöglichkeiten zum Erkennen und zur Behandlung von allergischen Erkrankungen so stark zurückgegangen, dass es für viele Ärzte nicht mehr kostendeckend möglich ist, Allergiker vernünftig zu betreuen. Insofern sollten zukünftig gesellschaftlich mehr Anstrengungen gemacht werden, um auch den allergischen Betroffenen mit ihren Symptomen an den oberen und unteren Atemwegen besser gerecht zu werden.
Herzlichen Dank für dieses Gespräch.





Toller Artile. LG